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Anlieger-Protest Grüner Hof: "Die Wut ist inzwischen richtig groß"

  • Autorenbild: Julius Höffmann
    Julius Höffmann
  • vor 7 Stunden
  • 4 Min. Lesezeit
Die Mitglieder des Arbeitskreises "Grüner Hof": (von links) Martina Hüffer, Dr. Herbert Kellermann, Claudia Benkens, Dr. Jutta Engbers und Yvonne Dultmeyer. Foto: Höffmann
Die Mitglieder des Arbeitskreises "Grüner Hof": (von links) Martina Hüffer, Dr. Herbert Kellermann, Claudia Benkens, Dr. Jutta Engbers und Yvonne Dultmeyer. Foto: Höffmann

Friesoythe. Die Debatte um die geplante Umgestaltung der Straße "Grüner Hof" in Friesoythe spitzt sich weiter zu. Während Verwaltung und Politik den Ausbau als wichtigen Schritt für moderne Verkehrs- und Klimapolitik beschreiben, wächst bei Anwohnern, Gewerbetreibenden und sozialen Einrichtungen der Widerstand. Die Kritik richtet sich dabei längst nicht mehr nur gegen einzelne Details der Planung, sondern zunehmend gegen den gesamten Umgang der Stadt mit Bürgerbeteiligung und Transparenz.

Im Rahmen eines Pressegesprächs machte nun der Arbeitskreis „Grüner Hof“ seinem Ärger Luft. Dem Gremium gehören in Vertretung der Anlieger Pfarrer Johannes Rohlfing, Dr. Herbert Kellermann, Martina Hüffer, Alfred Hüffer, Claudia Benkens, Yvonne Dultmeyer, Margret Kühling und Dr. Jutta Engbers an. Besonders viel Unmut löste die Entscheidung der Stadtverwaltung aus, den eigens eingerichteten Arbeitskreis bereits nach nur zwei Sitzungen wieder zu beenden. Viele Teilnehmer fühlen sich dadurch vor den Kopf gestoßen. „Wir wurden angehört, aber nicht ernst genommen“, heißt es. Claudia Benkens erinnert daran, dass das erste Treffen des Arbeitskreises noch sehr konstruktiv verlaufen sei. „Beim zweiten Treffen war davon nichts mehr übrig. Unsere Einwände wurden praktisch abgeschmettert“, kritisiert sie.

Auch Dr. Herbert Kellermann zeigt sich tief enttäuscht vom Verlauf der Gespräche. Die Maßnahme sei insgesamt „nicht zu Ende gedacht“. Niemand verweigere sich grundsätzlich einer Beteiligung an den Kosten, allerdings könne man nicht akzeptieren, dass "zahlreiche Denkfehler" ignoriert würden. „Die Wut unter den Anliegern ist inzwischen richtig groß“, sagt Kellermann. Viele Menschen hätten das Gefühl, dass ihnen das Vorhaben „einfach übergestülpt“ werde, obwohl alternative Vorschläge längst auf dem Tisch lägen.

Zweifel an Fahrradvorrangroute und Verkehrszahlen

Im Mittelpunkt der Auseinandersetzung steht die geplante Fahrradvorrangroute. Die Anlieger bezweifeln, dass der Grüne Hof überhaupt die Voraussetzungen für eine sichere und funktionierende Radroute erfüllt. Die Straße werde täglich stark von Autos, Lieferverkehr und Bussen genutzt. Gleichzeitig gebe es zahlreiche Grundstückszufahrten, Bushaltestellen sowie Rangierverkehr für umliegende Geschäfte.

Martina Hüffer verweist darauf, dass die Planung auf beiden Straßenseiten Radwege mit jeweils 2,5 Metern Breite vorsieht. Insgesamt werde die Straße dadurch auf rund 18,5 Meter Breite ausgebaut. „Allein entlang der Strecke gibt es 27 Ein- und Ausfahrten der anliegenden Grundstücke. Das ist gefährlich für alle Verkehrsteilnehmer“, warnt sie.

Auch Jutta Engbers sieht erhebliche Sicherheitsprobleme. Linien- und Schulbusse müssten künftig direkt auf der geplanten Radroute halten. Besonders morgens und mittags im Schülerverkehr entstünden dadurch gefährliche Situationen. Hinzu komme der tägliche Lieferverkehr. „Hier fahren regelmäßig große Lastwagen, teilweise sogar Gigaliner“, erklärt Engbers.

„Eine Radvorrangroute soll flüssiges und sicheres Radfahren ermöglichen – aber hier treffen Radfahrer auf ständig kreuzenden Verkehr“, kritisieren die Anwohner. Claudia Benkens ergänzt, dass die neue Strecke teilweise direkt an Schaufenstern vorbeiführen würde – etwa beim Autohaus Jannink oder dem Sanitätshaus Sanipoint. Teilweise verlaufe die Route sogar unmittelbar an Wohnzimmerfenstern entlang. Für Händler werde zudem die Warenanlieferung mit Fahrzeugen erheblich erschwert.

Zusätzliche Zweifel entstehen durch widersprüchliche Verkehrszahlen. Während in früheren Unterlagen von rund 10.000 bis über 11.000 Fahrzeugen pro Tag die Rede gewesen sei, seien im Arbeitskreis plötzlich deutlich niedrigere Werte von etwa 3.300 Fahrzeugen genannt worden. „Diese Unterschiede sind für uns nicht nachvollziehbar“, erklären Betroffene. Dadurch wachse das Misstrauen gegenüber der Datengrundlage des Projekts.

Parkplätze und Erreichbarkeit sorgen für massive Sorgen

Ein besonders sensibles Thema bleibt der Wegfall von Parkmöglichkeiten. Viele Bürger befürchten massive Einschränkungen für Anwohner, Besucher von Kirche und Friedhof sowie für Kunden der örtlichen Geschäfte. Vor allem die fehlende Berücksichtigung von Behindertenparkplätzen sorgt für Kritik. Während im Bereich des katholischen Friedhofs entsprechende Stellflächen vorhanden seien, drohe am evangelischen Friedhof künftig ein nahezu vollständiger Wegfall öffentlicher Parkplätze.

„Alle Parkplätze fallen dann weg – das ist ein Unding“, kritisiert Claudia Benkens.

Deutliche Worte kommen auch vom anliegenden Sanitätshaus Sanipoint. Yvonne Dultmeyer warnt vor massiven Folgen für das Unternehmen. „Wir hätten praktisch keine Parkplätze mehr. Gerade für ältere und beeinträchtigte Menschen ist das von entscheidender Bedeutung“, erklärt sie. Für das Sanitätshaus entstünde eine existenzbedrohende Situation.  

Darüber hinaus warnt Sanipoint vor erheblichen Problemen im Betriebsablauf. Medizinische Hilfsmittel würden regelmäßig mit größeren Lieferfahrzeugen angeliefert. Ohne geeignete Halteflächen müssten LKW möglicherweise auf der Fahrbahn stehen bleiben. „Bei täglich tausenden Fahrzeugen sowie Linien- und Schulbusverkehr erhöht das das Risiko von Verkehrsbehinderungen und Unfällen erheblich“, so die Kritik.

Hohe Anliegerkosten

Zunehmend kritisch wird außerdem die Kostenverteilung gesehen. Nach aktuellen Berechnungen könnten auf einzelne Grundstückseigentümer Beiträge zwischen 20.000 und 50.000 Euro zukommen. Insgesamt müssten private und gewerbliche Anlieger nach Darstellung des Arbeitskreises rund 1,2 Millionen Euro für den Ausbau einer Hauptzufahrtsstraße aufbringen. Wie Herbert Kellermann betont, seien die Betroffenen durchaus bereit, ihren Anteil zu leisten, allerdings nicht bei einer Planung, die gravierende Mängel aufweise. Der Hinweis der Stadt, die Anlieger könnten selbst neue Lösungen erarbeiten, sei „eine Frechheit. Wir sind keine Stadtplaner“ .

Die betroffenen Bürger empfinden die Entwicklung inzwischen als Ausdruck eines grundsätzlichen Problems im Umgang zwischen Politik und Bevölkerung. Kellermann spricht offen von wachsendem Frust und fehlendem Vertrauen. Politikverdrossenheit sei nicht überraschend, „wenn politische Gremien so oberflächlich mit Bürgern umgehen“. Er sei sehr gespannt, wie sich die Bürgermeister-Kandidaten dazu positionierten. „Wir erwarten eine ausreichende Würdigung unserer berechtigten Kritik. Wir sind nicht egoistisch und lassen uns gerne auf Kompromisse ein – aber aktuell sind viele einfach nur noch stocksauer.“ Das gesamte Vorhaben müsse aus Sicht des Arbeitskreises neu überdacht werden.

Offene Hochwasserfragen

Auch beim Thema Hochwasserschutz sehen viele Bürger offene Fragen. Die Stadt verweist auf notwendige Maßnahmen im Bereich des Wasserzugs „Streek“ und auf Starkregenvorsorge. Konkrete Informationen darüber, wie die geplanten Maßnahmen aussehen und welche Auswirkungen sie auf angrenzende Grundstücke haben könnten, seien bislang jedoch kaum öffentlich erläutert worden.

„Es geht längst um mehr als eine Straße“

Inzwischen geht der Streit für viele Beteiligte weit über eine gewöhnliche Straßensanierung hinaus. „Es geht längst nicht mehr nur um Asphalt oder Parkplätze“, sagen mehrere Anwohner. Vielmehr stelle sich die grundsätzliche Frage, wie ernst Bürgerbeteiligung in Friesoythe tatsächlich genommen werde — und ob politische Entscheidungen gemeinsam mit den Betroffenen oder zunehmend an ihnen vorbei getroffen würden.

 
 
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