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„Bleibt neugierig“: Pastor Kurt Schulte im Fritz-Gespräch

  • Autorenbild: Julius Höffmann
    Julius Höffmann
  • 15. März
  • 4 Min. Lesezeit

Das Sonntags-Interview


Von Julius Höffmann


Fritz: Sie kehren mit 60 Jahren in Ihre alte Heimatregion Friesoythe als Priester zurück – wie fühlt sich das an?

Kurt Schulte: Ich bin selbst überrascht. 1984 habe ich hier mein Abitur gemacht, bin dann zum Studium weggegangen und war danach meist nur an Wochenenden wieder hier. Nun wirklich zurückzukehren, ist ein Stück Heimkommen. Viele vertraute Gesichter gehen auf mich zu, man spricht miteinander. Ich fühle mich angenommen und rundum wohl. Besonders beeindruckt mich, wie viele Frauen und Männer sich hier ehrenamtlich engagieren. Dafür bin ich sehr dankbar. Ich fühle mich freundlich und wertschätzend empfangen – das tut mir gut und gibt Energie. 


Fritz: Hat sich die Stadt seit Ihrer Jugend stark verändert? Was ist geblieben?

Kurt Schulte: Ich fahre viel mit dem Fahrrad und bin gern auf meinem alten Schulweg von Bösel nach Friesoythe unterwegs. Vieles erkenne ich wieder, natürlich hat sich auch einiges verändert. Die Orte sind größer, pluraler und diverser geworden, aber auch ein Stück anonymer. Nachbarschaften sind nicht mehr so selbstverständlich, viele Menschen arbeiten auswärts, alles ist weitläufiger geworden. Das sehe ich auch als Herausforderung für uns als Kirche: Menschen zusammenzuführen und zu vernetzen. 


Fritz: Haben Sie eine Idee, wie das gelingen kann?

Kurt Schulte: Ich glaube, wir müssen Angebote schaffen, bei denen Menschen gern zusammenkommen und neugierig werden. Neue Formate, die niedrigschwellig erreichbar sind. Da müssen wir nicht sofort mit dem Glaubensbekenntnis beginnen, sondern erst einmal fragen: Wie geht es euch? Womit beschäftigt ihr euch? Vielleicht können wir gemeinsam an einem Projekt arbeiten – für die Gemeinschaft oder für die Kommune. Menschen zusammenbringen, so wie wir es zum Beispiel schon bei den Seniorengemeinschaften erleben. 


Fritz: Kirche steht insgesamt vor großen Herausforderungen. Was sehen Sie als die wichtigsten Aufgaben vor Ort in Friesoythe?

Kurt Schulte: Ich bin grundsätzlich ein sehr optimistischer Mensch. Mir ist wichtig zu betonen: Bei allem Umbruch ist es kein Abbruch. Natürlich verändern wir uns. Manche Dinge müssen wir aufgeben, weil sie sich nicht mehr tragen oder überholt haben. Aber wir sollten positiv nach vorne schauen und den Menschen vermitteln: Wir brechen auf, wir wagen Neues, wir entdecken Neues. Das Gefühl der Niedergeschlagenheit – dass alles weniger wird – sollten wir überwinden. Bei mir überwiegt klar die Zuversicht. Mit dieser Einstellung möchte ich Menschen mitnehmen und ein Stück begeistern. 


Fritz: Wie möchten Sie Menschen erreichen, die der Kirche fernstehen?

Kurt Schulte: Wir müssen dorthin gehen, wo die Menschen sind – bei Festen und Feiern, in Gruppen und Vereinen, nicht nur in kirchlichen Kreisen. Präsenz zeigen, Gesprächspartner sein und neugierig auf die Menschen bleiben. Das möchten wir auch als Team hier in St. Marien zeigen. Vielleicht entstehen daraus auch neue Formate. Wir wollen Familien fragen: Was wünscht ihr euch? Nicht mit der Haltung „Wir wissen, was gut für euch ist“, sondern indem wir zuhören. Gleichzeitig gibt es feste Punkte, an denen viele Menschen mit der Kirche in Berührung kommen – etwa bei Beerdigungen, Taufen oder Trauungen. Diese Momente können wir nutzen, um zu zeigen: Wir sind eine einladende Kirche und können Antworten auf Lebensfragen geben. 


Fritz: Welche Rolle spielen Jugendliche und junge Familien in Ihrer Arbeit?

Kurt Schulte: Unsere Aufgaben im Team sind noch nicht endgültig verteilt. Vor kurzem hatte ich eine Taufe in Friesoythe mit vielen jungen Eltern und Kindern. Ihnen zu zeigen: Glaube will euch nichts nehmen – er möchte euch etwas schenken und euch stärken. Bei der Seniorenarbeit können wir durchaus bei vertrauten Formen bleiben. Gleichzeitig müssen wir auf Jugendliche und junge Familien zugehen, ihre Lebenswirklichkeit wahrnehmen und sie neugierig machen auf das, wofür wir stehen. 


Fritz: Was wünschen Sie sich von Ihrer neuen Gemeinde?

Kurt Schulte: Ich wünsche mir Offenheit für Neues. Dass man nicht nur sagt: „Das war immer so, das haben wir immer so gemacht.“ Sondern dass wir gemeinsam die Veränderungen annehmen und überlegen: Wie können wir Kirche heute gestalten? Anders heißt nicht schlechter. Anders kann auch mehr Zuversicht, mehr Intensität und mehr Lebensfreude bedeuten. Viele Ehrenamtliche signalisieren bereits, dass sie diesen Weg mitgehen wollen. Wichtig ist mir auch: miteinander sprechen, nicht übereinander. Auch mir und uns gegenüber ein offenes Wort zu wagen – auch Kritik – gehört dazu. 


Fritz: Was macht Ihnen an Ihrem Beruf nach all den Jahren noch immer am meisten Freude?

Kurt Schulte: Vor allem die Begegnung mit Menschen und das Vertrauen, das mir als Priester entgegengebracht wird. Menschen erzählen aus ihrem Leben, teilen Freude, aber auch Sorgen. Wenn ich in Zeiten von Verzweiflung oder Trauer helfen kann, ist das sehr erfüllend. Und natürlich bereitet mir auch das Feiern von Gottesdiensten und der Liturgie mit den Menschen große Freude. Das sind zwei Säulen, die mir immer wieder Begeisterung schenken. 


Fritz: Welche Botschaft liegt Ihnen besonders am Herzen?

Kurt Schulte: In Münster haben Messdiener einmal bei meinen Predigten gezählt, wie oft ich den Satz gesagt habe: „Gott ist ein Freund des Lebens.“ Einmal hieß es danach: „Heute nur viermal.“ Für mich ist Glaube etwas Frohmachendes und Ermutigendes. Papst Benedikt hat einmal gesagt: Wer sich auf Jesus Christus einlässt, verpasst nichts und gewinnt alles. Das möchte ich leben und weitergeben. Der Glaube macht das Leben nicht immer einfach, aber er hilft, mit den Herausforderungen gut umzugehen. 


Fritz: Wenn Sie den Menschen hier einen Satz mit auf den Weg geben könnten – welcher wäre das?

Kurt Schulte: Bleibt neugierig.

 
 
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