Vogel frei! Friesoythe zwischen Kult, König und Freibierpolitik


Friesoythe. Wer behauptet, das Friesoyther Schützenfest dauere nur drei Tage, ist entweder neu in der Stadt oder war in den vergangenen Jahren auffällig selten unterwegs. Kenner wissen: Das eigentliche Fest beginnt lange vorher. Spätestens wenn die ersten Fahnen aufgehängt werden, steigt der Puls. Mit der Weinprobe und dem traditionsreichen „Heiligabend“ wird dann endgültig in den Feiermodus geschaltet. Man könnte auch sagen: Friesoythe macht sich warm – nicht wettertechnisch, sondern gesellschaftlich.
Über das Wetter wird ohnehin erst gesprochen, wenn es regnet. Und selbst dann höchstens fünf Minuten. Ein echter Schütze weiß schließlich: Es gibt kein schlechtes Schützenfestwetter, nur zu kleine Schirme.
Viel spannender sind die wirklich wichtigen Themen. Zum Beispiel die Hauptmannsmeldungen im Alten Rathaus. Sie gehören längst zum Unterhaltungsprogramm. Besonders montags entstehen dabei regelmäßig Rechenwege, die jeder Mathematiklehrer sofort als kreatives Schreiben einstufen würde. Mannschaftsstärken wachsen spontan, Entfernungen schrumpfen und Verluste werden grundsätzlich optimistisch bilanziert. Man könnte fast meinen, das Friesoyther Schützenwesen hätte seine ganz eigene Mathematik entwickelt.
Mindestens genauso geheimnisvoll geht es an der Vogelstange zu. Wer schießt? Wer wagt's? Wer hat heimlich schon mal den Arm gelockert? Fragt man die Hauptmänner, bekommt man zuverlässig dieselbe Antwort: ein Lächeln, ein Schulterzucken oder den berühmten Satz: „Lass dich überraschen.“
Natürlich wird trotzdem spekuliert. Das gehört in Friesoythe fast schon zum Brauchtum. Vielleicht landet der Königsschuss ja wieder in einer Familie, die den Thron bereits kennt. Vor 25 Jahren regierten General Theo Vahle und Daniela, vor 50 Jahren Willehad und Maria Laing. Warum also nicht die nächste Generation? Schützenblut soll schließlich dicker sein als Zielwasser.
Ein besonderes Kapitel schreibt in diesem Jahr Bürgermeister Sven Stratmann. Für ihn ist es das letzte Schützenfest als Gildechef. Und dann wäre da noch diese kleine Nebensache namens Kommunalwahl.
Wer glaubt, Wahlkampf und Schützenfest hätten nichts miteinander zu tun, ist noch nie kurz vor einer Wahl über den Festplatz geschlendert. Plötzlich werden Hände geschüttelt, Schultern geklopft und Gespräche geführt, die zufällig immer dort stattfinden, wo gerade ein Zapfhahn in Reichweite ist. Das Portemonnaie wirkt in diesen Tagen erstaunlich beweglich. Manche nennen es Bürgernähe, andere schlicht Freibier-Diplomatie.
Am Ende ist das aber genau das, was das Friesoyther Schützenfest seit Generationen ausmacht. Es ist Treffpunkt, Familientreffen, Gerüchtebörse, Stammtisch, Traditionspflege und Dorfklatsch in Personalunion. Hier wird diskutiert, gelacht, gefachsimpelt und spätestens am Montag mit absoluter Überzeugung erklärt, dass man den neuen König natürlich schon Wochen vorher auf dem Zettel hatte.
Ob das stimmt?
Nun ja ... auch das gehört in Friesoythe zu den schönsten Traditionen.



