Vor 90 Jahren war Schuleinweihung in Bösel Anlass für Kreuzerlass
- Martin Pille

- vor 2 Tagen
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Bösel/Südoldenburg. Mitte November 1936 erreichte den Schulleiter der Petersdorfer Schule, Clemens Arlinghaus, eine Anordnung des aus Bösel stammenden Bürgermeisters der Gemeinde Altenoythe, Liborius Schmidt: „Die Kreuze und das Beten in der Schule sind verboten“. Arlinghaus hielt sich an die Maßregel. Stattdessen – nicht ungefährlich- betete man vor einem benachbarten Kreuz den Rosenkranz. 2026 jähren sich in Bösel und in Südoldenburg zwei Ereignisse zum 90. Mal, die untrennbar miteinander verwoben sind: Die doppelte Einweihung der neuen Volksschule 1936 sowie der Massenprotest der Südoldenburger gegen die Umwandlung ihrer Lebenswelt im nationalistischen Sinne, der als sogenannter „Kreuzkampf“ in Erinnerung geblieben ist.
Heute weiß man aus umfangreichen wissenschaftlichen Studien, dass die Ereignisse in Bösel –die sonntägliche Einweihung der neuen Schule in Bösel durch streitbaren Pfarrer Franz Sommer nach der staatlichen Einweihung ohne ihn- nicht der „Angelpunkt“ der Auseinandersetzung gewesen ist. Der „Kreuzerlass“ vom 4. November 1936, mit dem der Minister für Kirchen und Schulen, Julius Pauly, die Kreuze und die Luther-Bilder aus den Schulen verbannen wollte, war nur der Höhepunkt der „Gleichschaltung“ durch das NS-Regime, die bereits 1933 begonnen wurde und den Zweck hatte, deren Machtpolitik gegen das Konfessionelle durchzusetzen.

Die Böseler Schuleinweihung war mithin Anlass, nicht Ursache. Es war nicht einfach ein „Unfall“ oder eine „Entgleisung“ Paulys gewesen, wie die nationalsozialistischen Ausreden glauben machen wollten. Pfarrer Sommer sei der Schuldige, denn er hätte mit seiner Einweihungsfeier eine parteifeindliche Einstellung gezeigt. Dabei war Sommer tatsächlich am Tag der staatlichen Einweihung verhindert gewesen.
Der Kreuzkampf hatte seine Wurzeln zuvörderst in der nationalsozialistischen Schulpolitik auf der Grundlage seiner antichristlichen Ideologie. Was folgte, war dann einer der wenigen öffentlichen Widerstreite gegen Maßnahmen der nationalsozialistischen Regierung. Das führte zu massiven Protesten der Bevölkerung im überwiegend katholischen Oldenburger Münsterland.

In der legendären Versammlung vor 7000 Zuhörern in der Münsterlandhalle in Cloppenburg nahm der Oldenburger Gauleiter Carl Röver den Erlass zumindest teilweise wieder zurück. Eine Niederlage und Blamage für das Regime, national wie international. Selbst das französische Magazin „Le Pèlerin“ veröffentlichte am 17. Januar 1937 eine freie Illustration dieses Auftritts, der in Wahrheit wohl noch dramatischer verlief. Der Sieg im Oldenburger Kreuzkampf war aber nur vorläufig. Einige Monate später wurden willkürlich ausgewählte Wortführer des Protestes verhaftet.

Pauly war nicht bereit, sich mit seiner Niederlage abzufinden: 1938 begann die Landesregierung in Oldenburg, die Bekenntnisschulen abzuschaffen und durch nationalsozialistisch geprägte „deutsche Gemeinschaftsschulen“ zu ersetzen. Die „Deutsche Schule“ spielte in der Folge im Rahmen der vom NS-Regime angestrebten Durchdringung aller Lebensbereiche und der politischen Sozialisierung und Ideologisierung der Jugend weiterhin eine bedeutsame Rolle, auch in Bösel. Der Kreuzkampf und der um das Lutherbild vermochten das nicht aufzuhalten.


