Wie ein Wespen-Schwarm den Großherzog zu Fall brachte
- Martin Pille

- vor 4 Stunden
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Altenoythe. Bevor Kaiser Wilhelm II. im Laufe eines Vormittags im August 1890 mit Reichskanzler Leo von Capirivi, Finanzminister Johannes von Miquel und dem Chef des Geheimen Zivilkabinetts, Hermann von Lucanus, tafelt, sodann eine Parade des Gardecorps abnimmt, um anschließend eine Reise zu Zar Alexander IIII. nach Russland anzutreten, denkt seine kaiserliche Majestät zunächst an Altenoythe. Er setzt sich an seinen Schreibtisch und schreibt eine Depesche an den Großherzog Peter II. in Oldenburg: „Gratulation zur Errettung Seiner königlichen Hoheit des Großherzogs aus Lebensgefahr“. Was war geschehen?

Großherzog Nikolaus Friedrich Peter II. von Oldenburg, nach dem auch Bösels „Kronkolonie“ Petersdorf sowie Nikolausdorf benannt ist, unternahm an diesem denkwürdigen Tag per Sonderzug einen Ausflug nach Cloppenburg. Ihn begleiteten sein Vertrauter, der Vorsitzende Staatsminister Günther Gerhard Friedrich Jansen, Oberschlosshauptmann Heino Henning Franz von Heimburg und sein Adjutant von Wangenheim. Man wollte dort die neuerrichtete „Idiotenanstalt“ besichtigen, dessen diskriminierender Name erst ab 1913 nicht mehr verwendet wurde.
Interessant für den Großherzog waren zudem staatliche Holzungen, in denen die Nonnenraupen arge Verheerungen angerichtet hatten. Sodann sollte es per Equipage über Friesoythe und Edewecht weitergehen zum Landschloss seiner Majestät in Rastede. Bei dieser Gelegenheit wollte der Großherzog die gerade fertiggestellte neue Staatschaussee von Friesoythe über Edewechterdamm nach Bad Zwischenahn testen, die er als Voraussetzung für den wirtschaftlichen Aufschwung des Landes bauen ließ. Dann geschah es!
Wie die Oldenburger „Nachrichten für Stadt und Land“ berichtete, gingen „vor dem Dorf Altenoythe“ die 4 Pferde der großherzoglichen Kutsche durch. Angeblich hatten vom Besuch begeisterte Menschen Böllerschüsse abgefeuert und die Tiere wildgemacht. Der rasende Galopp endete für Rösser und großherzoglicher Kutsche kopfüber im neuen Chausseegraben. Amtshauptmann von Heimburg brach sich in der völlig zertrümmerten Kutsche den rechten Arm, Großherzog Peter II. und die übrigen Herren blieben außer leichten Blessuren unverletzt. Amtsarzt Medizinalrat Dr. Nolte aus Friesoythe eilte herbei und versorgte den verletzten von Heimburg mit einem Notverband. Vom Zeller Glup aus Thüle wurde eine Kutsche geordert, die Peter II. dann bis nach Rastede beförderte, die übrigen wieder direkt nach Oldenburg.

Die Zeitung berichtigte anderntags über die Ursache des Unglücks: Nicht Böllerschüsse der begeisterten Bevölkerung, sondern ein Schwarm Wespen, der sich über das Stangenpferd hergemacht hätte, sei das Übel gewesen. Peter II. bedankte sich einige Tage später bei Dr. Nolte mit einem huldvollen Schreiben für den medizinischen Beistand im Unglück und belohnte ihn mit einem goldenen Brilliantring. Zeller Glup aus Thüle, der die Herrschaften in seiner Kutsche weiterbeförderte, erhielt ein namhaftes Geldgeschenk.
Als seine Majestät Kaiser Wilhelm II. im fernen Berlin von der eigentlichen Ursache für das Unglück in Altenoythe erfuhr, setzte er sich erneut hin und schrieb ironisch-belustigt: „In dem Loche in der Mauer sind die Wespen auf der Lauer“, - frei aus Wilhelm Buschs „Tobias Knopp“.


