Abtanzball 1964: Mit den ersten Pumps zum flotten Foxtrott
- Martin Pille

- 26. Dez. 2025
- 2 Min. Lesezeit

Abtanzball. Allein dieses Wort! Da stehen sie nun, geschniegelt und gestriegelt, das Töchterchen frisch hairgestylt im kurzen Kleid und neuen Schuhen, die noch drücken. Herzklopfen, feuchte Hände auch bei den Eltern, schließlich führt man die Tochter zum Abtanzball.
Zwei Stuhlreihen
Gedanken gehen zurück ins Jahr 1964. Tanzstunde im Kollhoffschen Saal in Friesoythe. An der Holzvertäfelung baumelten staubige Papiergirlanden vom letzten Erntedank-Ball. Die Mädchen stöckeln mit schräggestellten Knien in den ersten Pumps dahin, bis sie im nächsten Gitterrost hängen bleiben. Und da ist der Tanzlehrer im würdevoll im "Eins-zwei-drei"-Schrittkampf blankgewetzten Schwarz und seine Frau schwirrt im taftraschelnden Kleid über das Parkett. Natürlich sind da zwei Stuhlreihen, die Damen links, die Herren rechts mit aufgesetzten Konquistadorenblicken. Noch schnell ein Haarstrich über das kurze Haar, obwohl kein widerspenstiger Wirbel geglättet werden muss.
Unsterblich verliebt
Die Mädchen haben schon vorher den obligatorischen Toilettentreff gehabt. Aus dem Handtäschchen kommt der Stielkamm, um das toupierte Haarnest noch einmal anzuheben, und der verruchte Lidstrich muss noch nachgezogen werden. Und nebenbei werden noch schnell die Jungs "durchgehechelt". Im Halbseidenanzug aus Trevira-Mischgewebe liegen wir in den Startlöchern, um ja die Auserwählte zu ergattern. Meine hieß Renate, war einen Kopf größer und ich war unsterblich in sie verliebt. Nur – sie wusste es nicht! Das ständige Verliebtsein erfuhr permanent eine exponentielle Abnahme!

Walzer, Jive und Cha Cha Cha
Heute ist (fast) alles anders. Die Klamotten sind zumindest bei den Übungsstunden uniformer geworden, Jeans und Sweatshirts haben gesiegt. Beim Abtanz aber ist alles so schnieke wie vordem. Die beiden Stuhlreihen sind auch weg, der sportliche Aspekt: ade! Man ist cooler, aber der Tanzlehrer sorgt dafür, dass die Jungen und Mädchen auch heute noch die empfohlenen Umgangsformen lernen. Die Teenies im Kleid und im Anzug tanzen, als hätte es nie das Discofieber gegeben. Nach wie vor lernen sie die ersten Schritte des traditionellen Programms: Foxtrott, Walzer, Jive, Tango oder Cha Cha Cha.
Nicht auf die Füße treten
Geblieben ist die furchtbare Aufregung, noch da ist die Angst vor dem Gedrängel der ungeschickten Beine, der Bammel vor dem Tritt auf die Zehen der Angebeteten, und das vor den Augen der Eltern. Angestrengt mit roten Wangen und voll konzentriert mit eingezogenen Unterlippen folgt alles akribisch dem "Vorrück-seit-Schluss" des Tanzlehrers.
Schön war's
Da werden schon mal die Drehungen zum Schlurfen und die Kreppsohlen der Schuhe zu peinlichen Stolperschwellen, wie einst vor 30 Jahren die ersten Pumps auf dem dick eingewachsten Parkett. Den Eltern geht's nicht besser. Der Papa müht sich bandscheibengequält durch den Disco-Fox. Fazit: Schön wars! Wenn da nur nicht die wehmütige Erkenntnis wäre, dass die Tochter nun groß ist und Papa in die Jahre gekommen ist.



