Aus Fremden wurde Familie: Flüchtlinge aus Vietnam finden in Friesoythe ein Zuhause


Friesoythe. Das Fest ihrer Goldenen Hochzeit bleibt für Phung Nguyen und Ehefrau Lien Dam in bester Erinnerung. Mit seiner Familie und vielen Gästen hat das Jubelpaar vor wenigen Monaten seinen Ehrentag begangen und auf 50 Jahre Ehe angestoßen. Andrea und Thomas Baumdick aus Friesoythe schlossen die beiden in ihrer Wahlheimat Hamburg besonders herzlich in die Arme und freuten sich über das Wiedersehen. „Wie eine zweite Familie“, beschreibt Andrea Baumdick die enge Beziehung, die seit über 45 Jahren generationsübergreifend besteht.
Phung Nguyen und Lien Dam zählten Anfang der 80er Jahre zu den von der deutschen Hilfsorganisation „Cap Anamur“ geretteten Flüchtlinge aus Vietnam, die in Friesoythe ihr erstes Zuhause fanden. Als die Stadtverwaltung damals Einwohner suchte, die sich ehrenamtlich um die Familien kümmerten, meldeten sich Andrea Baumdicks Eltern, Norbert und Gretel Meißner, sofort. „Mein Vater war selbst Flüchtling aus Schlesien und brauchte keine Sekunde zu überlegen“, berichtet seine Tochter über ein soziales Engagement, das auch ihr in die Wiege gelegt wurde.

Phung Nguyen und Lien Dam gaben sich 1976 in ihrer Heimat das Ja-Wort. Genau in dem Jahr, als das Land nach dem Ende des Vietnamkrieges unter kommunistischer Herrschaft wiedervereint wurde. Was folgte, waren politische Verfolgung und ein wirtschaftlicher Zusammenbruch.
Kein Leben, dass das junge Paar mit seinen zwei kleinen Kindern führen wollte. Wie Tausende andere beschlossen die beiden, zu fliehen. Eine Flucht in eine völlig unsichere Zukunft. Das Paar wurde zu den sogenannten „Boatpeoplen“. Ob sie es allerdings in den überladenen und maroden Booten überhaupt über das südchinesische Meer schaffen werden, wussten sie nicht. „Aber wir haben die Hoffnung auf ein besseres Leben mitgenommen“, sagte Lien Dam, als sie mit Andrea Baumdick zurückblickte. Ihr großes Glück war dann nach Tagen der Angst und Entbehrung auf offener See die „Cap Anamur“, ein vom Journalisten Rupert Neudeck und seiner Frau Christel sowie vom Schriftsteller Heinrich Böll gemietetes Frachtschiff zur Rettung der Flüchtlinge. „Endlich waren wir in Sicherheit und den Geschmack der ersten Tasse Tee werde ich mein ganzes Leben nicht vergessen“, erzählte Lien Dam.
Über die Aufnahmestelle in Friedland kamen sie nach Friesoythe, wohnten zunächst an der Burgstraße und später an der Sedelsberger Straße. Phung Nguyen fand eine Arbeit beim damaligen Unternehmen Siemens. „Wir wollten in Deutschland Wurzeln schlagen, die Gepflogenheiten und Kultur annehmen und zum Baum werden“, veranschaulichten die beiden, die noch mal Eltern wurden und ihren Sohn Josef nannten. Ebenso wie das Paar Hung und Tri mit seinen Kindern sowie weiteren Landsleuten gehörten sie bei den Meißners zur Familie. „Sonntagmorgens war bei uns im Wohnzimmer immer große Konferenz, in der alles besprochen und geregelt wurde“, erinnert sich Andrea Baumdick.

Neben der Erledigung bürokratische Aufgaben besuchten die Frauen und Männer die vom Bildungswerk organisierten Sprachkurse. Sie lernten Tapeten und Rasenmäher kennen, erlebten den Nikolaus und ihren ersten Schnee. „Und wenn es in Räumen nicht mindestens 30 Grad warm war, behielten sie ihre Parka an“, verrät Andrea Baumdick und lacht. Private Feste und gesellige Treffen wurden auf beiden Seiten stets gemeinsam begangen „und als Hung und Tri im Friesoyther Gemeindehaus ihre Hochzeit feierten, waren meine Eltern Trauzeugen“, erzählt die 66-Jährige.
Norbert Meißner starb bereits 2001 im Alter von nur 65 Jahren und sein Tod löste auch bei seinen vietnamesischen Freunden tiefe Erschütterung aus. Dass die Kontakte zu seinen früheren „Schützlingen“, die allesamt erfolgreich Fuß gefasst haben, bis heute bestehen geblieben sind, „hätte ihn sehr gefreut“, weiß seine Tochter. Und für sie und ihre Familie habe sich mehr als bestätigt: „Wer die Bereitschaft zeigt, sein Herz zu öffnen, gewinnt so viel dazu.“


