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Du, sag einfach Du...

  • Autorenbild: Julius Höffmann
    Julius Höffmann
  • 8. Feb.
  • 2 Min. Lesezeit

Die Sonntags-Kolumne


Von Julius Höffmann



Satz: Skrzypek
Satz: Skrzypek

„Du, sag einfach du“, sang einst Chris Roberts. Vermutlich im festen Glauben, dass Nähe automatisch entsteht, wenn man ein Personalpronomen austauscht. Und zack – da sind wir mittendrin im großen Du-Universum unserer Gegenwart.

Das Sie galt einmal als die höfliche Form des charmanten Respekts. Ein verbales Knickschen. Ein kleiner Sicherheitsabstand in Silbenform. Man konnte sich damit vortasten, ohne gleich emotional in den Vorgarten des Gegenübers zu trampeln. Heute hingegen wirkt das Sie ungefähr so zeitgemäß wie ein Faxgerät oder ein Münztelefon.

Wir leben im Du-Zeitalter. Im Radio wird man geduzt,  Journalisten duzen im Interview, Newsletter beginnen mit „Hey!“. Und dann die Cafés. Moderne Cafés sind die wahre Frontlinie der Du-Revolution. „Was bekommst du?“ fragt die Studentin hinter der Espressomaschine freundlich das Seniorenpaar, das gerade direkt aus der kardiologischen Untersuchung hereingeschneit ist.

Niemand meint es böse. Das Du ist cool, locker, niedrigschwellig. Es soll Nähe herstellen, Augenhöhe, Gemeinschaft.  Es gibt allerdings Orte, an denen das Du tatsächlich funktioniert. Zum Beispiel im Fernsehen, bei Horst Lichter. In „Bares für Rares“ duzt er einfach alle. Ausnahmslos. Rentner mit Porzellanfigur, Erben mit Goldkette, Händler mit Pokerface.

Aber: Das Sie ist zu Unrecht in Verruf geraten. Es ist nicht steif. Es ist nicht kalt. Es ist eine elegante Pause zwischen zwei Menschen.  Man kann sich mit dem Sie wunderbar annähern, ganz langsam, wie bei einem guten Tanz. Erst Distanz, dann Rhythmus, dann vielleicht irgendwann das Du – freiwillig, beidseitig, feierlich fast.

Früher war das Du ein kleiner Ritterschlag. „Wollen wir uns duzen?“ – das war kein Satz, das war ein Ereignis. Man erinnerte sich daran. Heute passiert das Du so beiläufig, dass man manchmal gar nicht mehr weiß, wann es eigentlich passiert ist.

Vielleicht geht es gar nicht um Du oder Sie. Vielleicht geht es um Aufmerksamkeit. Um echtes Interesse. Um Respekt, der nicht aus einer Anrede besteht, sondern aus Haltung. Man kann jemanden siezen und herablassend sein. Und man kann duzen und unglaublich wertschätzend. Das Pronomen ist nur die Verpackung – der Inhalt zählt.

Und trotzdem: ein kleines Plädoyer für das Sie. Nicht als Pflicht, sondern als Option. Als höfliche Kunstform. Als charmante Erinnerung daran, dass nicht jede Nähe sofort verfügbar sein muss.

Bis dahin gilt: Du darfst mich gern duzen. Aber bitte nicht, bevor ich meinen Kaffee hatte.

 
 
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