Ein Stolperstein für Hans Bieber – Erinnerung, die unter die Haut geht
- Martin Pille

- vor 19 Stunden
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Von Martin Pille

Bösel/Bremen. Ein kleiner Stein, ein großer Schmerz – und ein bleibendes Versprechen. In einer stillen Straße in Bremen hat sich jetzt die Vergangenheit mit aller Wucht in die Gegenwart eingeschrieben. Vor einem unscheinbaren Haus im Bremer Schnoor wurde ein Stolperstein verlegt – für Hans Bieber, dem einzigen Juden aus Bösel, der einst hier lebte, verfolgt, entrechtet und schließlich deportiert wurde. Sein Weg führte ihn von einem sogenannten „Judenhaus“ in Bremen in das Vernichtungslager Auschwitz. Dort wurde er ermordet.
Es sind nur wenige Quadratzentimeter Messing im Gehweg, doch sie tragen das Gewicht eines zerstörten Lebens. Ein Name. Ein Geburtsjahr. Ein Ort des Grauens. Mehr bleibt oft nicht. Und doch ist es alles. Während sich Anwohner, Interessierte und auch die Großnichte Biebers, Kerstin Andersen, mit ihrem Ehemann dort versammelten, lag eine spürbare Stille in der Luft. Keine lauten Worte, keine großen Gesten, nur die zarte Akkordeonmusik von Ortrud Stauch – und das Bewusstsein, dass ein Mensch aus dem Leben gerissen wurde, dessen Geschichte viel zu lang im Schatten lag. Die goldene Oberfläche des Steins fängt in diesem Moment das Licht ein – und mit ihm die Erinnerung.

Informationen zu Hans Bieber kamen von Hans-Ulrich Brandt vom „Projekt Stolpersteine Bremen“, das die Verlegung initiierte. Hans Bieber wurde am 25.11.1890 in Hagen/Westfalen geboren; er war jüdischen Glaubens. Am 16.7.1921 heiratete er in Köln die am 11.10.1896 in Neuwangerooge bei Varel geborene konfessionslose Margarete Meierkord. Er arbeitete zu der Zeit als Bankbeamter. Seine Frau Margarete war eine von fünf Töchtern von Ernst-Heinrich Meierkord und dessen Frau Anne-Catharine, geborene Böse. Sie hatte auch einen Bruder, der nach seinem Vater einen Ziegeleibetrieb in Bösel-Westerloh führte. Drei Kinder wurden hier den Biebers geboren: Erika, Hannelore und Walter. Die Mutter starb bereits am 21.10.1934 im Alter von 38 Jahren; um die drei Kinder kümmerten sich die Meierkords und die Tante Alma. Bieber wohnte -weil er Jude war- in einer eigenen Wohnung in der Friesoyther Straße. 1939 zog er nach Bremen, Marterburg 29b, dort, wo jetzt der Stolperstein gesetzt wurde.
1938 wurde er erstmals in das KZ Buchenwald deportiert, drei Tage später jedoch wieder entlassen. Es folgten Umzüge von einem Judenhaus in das nächste. 1942 wurde Bieber in das Ghetto Theresienstadt deportiert, am 28.9.1944 dann ins KZ Auschwitz, wo er ermordet wurde. Der genaue Todestag ist nicht bekannt. Sein Sohn Walter, der immer in Bösel wohnte, starb hier 2007, Hannelore und Erika, die beide später in England wohnten, 2012 und 2021.
Kerstin Andersen unterstrich, wie wichtig es sei, dass nun ein Stolperstein an Hans Bieber erinnert. Denn die Stolpersteine sind mehr als nur Mahnmale. Sie sind leise Anklagen gegen das Vergessen. Und sie zwingt Passanten, innezuhalten, den Blick zu senken und sich zu fragen: Wer war dieser Mensch? Was wurde ihm genommen? Und was bedeutet das für uns heute? Gerade in einer Zeit, in der antisemitische Tendenzen sichtbar werden, ist diese Form des Gedenkens von erschütternder Aktualität und auch ein Auftrag nach vorn: hinsehen, erinnern, widersprechen.

Hans Bieber hat keinen Grabstein. Aber heute hat er einen Ort. Einen Ort, der sagt: Du bist nicht vergessen. Und der Stolperstein für Hans Bieber soll die Deutung der Vergangenheit immer wieder denjenigen entreißen, die sich einreden, nichts gesehen und nichts gewusst zu haben. Und sie gibt mit dem Gedenken und dem Verbeugen dem Menschen Hans Bieber seine Würde zurück und endlich nach Jahrzehnten ein Gesicht.



