Kriegserinnerungen: Militärreste als Alltagshelfer
- Claudia Wimberg

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Von Claudia Wimberg

Friesoythe. Eine Granaten-Kartusche steht mitten auf dem Kaffeetisch und könnte auch als Dekoartikel durchgehen. „Die lagen überall auf den Straßen. Wir haben sie mit heißem Wasser gefüllt und als Wärmflasche benutzt“, stellt Irmgard Cloppenburg (94) das ausgediente Geschoss vor, das sie seit Jahrzehnten im Keller verwahrt. Elisabeth Olberding (90), Lore Hüffer (91) und Hildegard Kleefeld (83) nicken zustimmend. Dass Militärmaterialien zu Alltagsgegenständen wurden, ist auch ihnen nicht fremd. Not machte erfinderisch und es fehlte an allem.
Die vier Frauen aus Friesoythe sind Kinder des Zweiten Weltkrieges und machten ebenso wie die Zeitzeugen Hans Tholen, Hans Kramer, Eduard Niemann, Josef Lentz, Willi Kösters, Clemens Ortmann, Ludger Müller sowie Bernd Stuke Geschichte erlebbar. Ihre Gastgeber im historischen Werkhaus Pancratz: der Deutsch-Grundkurs der Klasse 13 des BBS-Gymnasiums Friesoythe.
Auf Initiative der 2025 pensionierten Oberstudiendirektorin Marlies Bornhorst-Paul und Pädagogin Simone Emken trafen sich die Generationen in lockeren Gesprächsrunden, die von gegenseitiger Wertschätzung und lebendigem Austausch geprägt waren. „Wir beschäftigen uns im Unterricht mit dem Thema, aber wollen nicht nur aus Büchern und Texten lernen, sondern auch persönliche Erfahrungen sammeln“, schrieben die Schülerinnen und Schüler in ihrer Einladung und freuten sich über die zahlreichen Zusagen.
Zerstörung im April 945
„Für uns ist das erste Mal, dass uns Menschen direkt etwas über den Krieg und die Nachkriegszeit erzählen. Das ist schon sehr spannend“, zeigten sich Christin Bergmann, Fabienne Liebing und Hanna Lindemann beeindruckt, die die vier Seniorinnen kennenlernten. Sie hörten gebannt zu, als Elisabeth Olberding über die letzten Kriegstage im April 1945 berichtete, in denen Friesoythe von kanadischen Truppen fast dem Erdboden gleichgemacht wurde. Ihre Familie war wie viele in die Bauerschaft Pehmertange geflüchtet. „Mit dem Fahrrad ging es wieder zurück in die zerstörte Stadt. In den Trümmern lag auch unser Haus.“
Das Elternhaus von Hildegard Kleefeld im Stadtteil Schwaneburg war von deutschen Soldaten beschossen worden und ausgebrannt. „Sie dachten, dass Kanadier sich dort versteckt hätten“, erzählt sie. Eine ihrer sechs Schwestern kam dabei ums Leben. „Wir konnten dann in einem Schlafzimmer beim Nachbarn unterkommen.“ Irmgard Cloppenburg hatte ebenfalls kein Zuhause mehr, „auch sonst hatten wir nichts und bekamen von den Kanadiern häufiger mal Schokolade und Kaffee“, sagt die Friesoytherin. „Ja, der schmeckte natürlich viel besser als Muckefuck“, bestätigt Elisabeth Olberding, dessen Eltern einen Kolonialwarenladen führten. „Und die Kanadier liebten Eier, die sie von uns bekamen“, ergänzt Lore Hüffer und weiß auch noch gut, wie die Aufräumarbeiten begannen.

Wiederaufbau mit bloßen Händen
„Da hieß es Steine kloppen.“ Und das in Handarbeit, wie Hans Tholen (84) und Hans Kramer (83) ihren jungen Zuhörern erzählten. „Ohne Kran und Maschinen, das kann man sich heute nicht mehr vorstellen“, sagt Tholen. Schwerstarbeit und ein fester Wille führten dazu, dass der Wiederaufbau als Kaufmannsstadt gelang. So wie es der „Seher“ und Stadtschreiber, Theodor Caspar Anton Joseph Wreesmann vorausgesagt hatte. Zum Leben nach dem Krieg zählte relativ schnell der Sport, auf den Josef Lentz (87) und Eduard Niemann (84) mit der Wiedergründung des SV Hansa aufmerksam machten.
Zwischen Angst und Zuversicht
Blickt Irmgard Cloppenburg zurück, denkt sie auch an viele unbeschwerte Momente, die sie als Kinder hätten erleben dürfen. Die Angst beim Fliegeralarm konnte jedoch auch nach Kriegsende nicht überspielt werden. Als sie und ihre Mutter mit dem Fahrrad unterwegs gewesen seien und sich ein Flugzeug näherte, sei sie sofort abgesprungen, um sich zu verstecken. Ihre Mutter habe sie dann mit den Worten beruhigt: „Kind, die tun uns nichts mehr an.“



