"Vergessene" Gräber sind keine Seltenheit mehr


Friesoythe. Die Natur hat die umgefallenen Grabsteine mittlerweile erobert. Gras und Unkraut wuchern, Disteln gedeihen. „Muss das so aussehen und warum kümmert sich keiner darum?“ fragt sich eine Friesoyther Friedhofsbesucherin beim Anblick zweier verwahrloster Gräber, von denen es auf dem Gelände noch einige mehr gibt. Was die Frau als „respektlos“ empfindet, beschäftigt zunehmend auch das Pfarrbüro der St. Marien Gemeinde. „Die Zeiten, in denen gepflegte Grabstellen selbstverständlich und Zuständigkeiten über Generationen hinweg klar geregelt waren, sind vorbei und das Bestattungswesen ist insgesamt anstrengender geworden“, sagt Friedhofsverwalter Josef Averbeck. Deshalb sei eine detaillierte Beratung vor der Vergabe einer klassischen Grabstätte heute von großer Bedeutung.
Die Pfarrei verschickt jährlich rund 2000 Gebührenbescheide für ihre sechs Friedhöfe „und davon kommen rund 50 mit dem Vermerk ‚unbekannt verzogen‘ zurück.“ Streitigkeiten in Familien führen dazu, dass Verantwortung unrechtmäßig abgegeben wird. Wohnortwechsel, finanzielle Engpässe, Krankheit oder Tod der Eigentümer sind laut Averbeck weitere Gründe, die Instandhaltung nicht zu gewährleisten. Manches Mal haben sich Eltern bereits für eine pflegeleichte Variante auf dem Urnenfeld entschieden, die Großeltern liegen aber noch im konventionellen Familiengrab. Bei den Enkeln ist es in Vergessenheit geraten und aufgelöst werden kann es erst nach der Ruhezeit von 30 Jahren.
Die Kirchengemeinde sitzt zunächst zwischen den Stühlen und „wir können nicht von jetzt auf gleich tätig werden“, begründet der zuständige Mitarbeiter die zum Teil heruntergekommenen Flächen. Wenn eine persönliche Kontaktaufnahme nicht gelingt, folgt eine schriftliche Aufforderung. Passiert weiter nichts, „nutzen wir alle uns zur Verfügung stehenden Quellen, um auch die Nadel im Heuhaufen ausfindig zu machen und Angehörige unmissverständlich auf ihre Pflichten hinzuweisen“, so Averbeck. Somit dauert es zum Teil Jahre, bevor die Kirchengemeinde schließlich selbst aktiv wird, um die Grabstellen zu räumen. Sind die Nachfahren oder Vertragsnehmer bekannt, geschieht das auf ihre Kosten. Konnten sie trotz aufwendiger Suche nicht ermittelt werden, zahlt das die Allgemeinheit.
Was die aktuell am Boden liegende Grabsteine angeht, ist das in den meisten Fällen eine bewusst vorgenommene Maßnahme der Friedhofsverwaltung. Aus Sicherheitsgründen werden alle Denkmäler auf den Friedhöfen einmal im Jahr auf ihre Standfestigkeit geprüft. Ist die Stabilität nicht garantiert, „kippen wir sie auf den Gräbern um, bei denen es keinen Ansprechpartner gibt“, informiert Averbeck.



