Zwischen Mondflug und Marmorkuchen

Die Sonntags-Kolumne
Von Julius Höffmann

Der 12. April ist so ein Datum, das sich nicht recht entscheiden will, ob es lieber in die Geschichtsbücher gehört oder auf eine Glückwunschkarte. Herta, Zeno, Julius und Silvia feiern Namenstag – man gratuliert pflichtbewusst, reicht vielleicht Marmorkuchen und hofft insgeheim, dass niemand auf die Idee kommt, ein Lied anzustimmen. Wobei: Heute hätte man sogar einen passenden Sänger zur Hand. Herbert Grönemeyer hat Geburtstag. Aber das nur am Rande.
Denn natürlich ist dieser Tag auch der großen Geste verpflichtet: internationaler Tag der bemannten Raumfahrt. Man erinnert sich ehrfürchtig daran, dass Juri A. Gagarin 1961 einmal kurz die Erde verlassen hat, um festzustellen, dass sie auch von oben ganz passabel aussieht. Seitdem wissen wir: Der Mensch kann ins All fliegen. Die eigentliche Leistung besteht offenbar darin, sich dazu durchzuringen, es wieder zu tun.
Nun also die nächste Erfolgsmeldung: Die Mission Artemis II hat erstmals seit einem halben Jahrhundert wieder Menschen um den Mond geschickt. Eine bemannte Mondumrundung – oder müsste es nicht längst eine „befraute“ sein? – erfolgreich abgeschlossen. Man freut sich, staunt kurz und fragt sich dann unweigerlich: Was genau hat eigentlich so lange gedauert?
Die Crew sei weiter geflogen als je ein Mensch zuvor, heißt es. Ein Satz, der verdächtig vertraut klingt. Irgendwo hat man das schon einmal gehört – möglicherweise aus dem Munde von Captain Kirk, flankiert von Spock und Leonard McCoy, die bekanntlich schon vor Jahrzehnten regelmäßig in Gegenden unterwegs waren, die „noch nie ein Mensch zuvor gesehen hat“. Dort ging das alles erstaunlich zügig, inklusive interstellarer Diplomatie und gelegentlicher Zeitreisen.
Hier unten hingegen folgte auf den großen Schritt von Neil Armstrong eine bemerkenswerte Phase der kosmischen Gemütlichkeit. Man hätte ja meinen können, der Mond sei inzwischen zumindest teilweise erschlossen: ein paar Siedlungen, ein Supermarkt, vielleicht ein italienisches Restaurant mit Blick auf die Erde. Stattdessen: Staub. Viel Staub. Und Fußabdrücke, die älter sind als so manche Reformidee.
In zwei Jahren soll es den nächsten Besuch geben. Ob sich das lohnt? Die Aussichten sind überschaubar. Schon Vicky Leandros wusste: Auf dem Mond blühen keine roten Rosen.
Vielleicht liegt darin aber auch eine beruhigende Erkenntnis. Während man im All weiterhin nach Atmosphäre sucht, haben wir hier unten mehr als genug davon – im doppelten Sinne. Und so bleibt man am Ende doch lieber auf der Erde, hebt das Glas auf Herta, Zeno, Julius und Silvia und stellt fest: Das Weltall kann warten. Namenstage nicht.



