Die Illusion vom leeren ICE

Die Sonntags-Kolumne
Von Julius Höffmann

Es gibt diese Momente, in denen man glaubt, das Leben endlich verstanden zu haben. Zum Beispiel um 6.40 Uhr morgens auf dem Bahnsteig in Oldenburg. Der ICE fährt früh. Sehr früh. Unchristlich früh. Aber – man höre und staune – tatsächlich pünktlich. Durchgehend nach Berlin. Keine Umstiege, kein Stress, nur ein sanftes Dahingleiten Richtung Hauptstadt. Wer um diese Uhrzeit reist, hat sich sein Schicksal schließlich selbst ausgesucht.
Der Plan war perfekt: Ein teures Bahnhofsbrötchen vom Bäcker, ein fast leerer Waggon, keine Gespräche, keine Verpflichtungen. Einfach sitzen, kauen, aus dem Fenster schauen. Während draußen langsam der Morgen erwacht, die Landschaft vorbeizieht und die ersten Sonnenstrahlen durch die geschlossenen Augenlider dringen. Ein bisschen wie Meditation. Nur mit ICE und Frischkäse.
So dachte er. Falsch gedacht.
Denn auf dem noch halb dunklen Bahnsteig steht plötzlich ein Bekannter. Mit Sohn. Ziel: München. „Und“, sagt er fröhlich, „da kommen gleich noch ein paar mehr!“ Natürlich. Warum auch nicht. Wenn man schon um kurz nach sechs morgens am Oldenburger Bahnhof steht, kann man ja gleich quasi ein Klassentreffen daraus machen. Und tatsächlich: Minuten später taucht die Friesoyther Fanreihe auf. „Guuuten Morgen! Was machst du denn hier? Auch nach München?“ Nein. Berlin. „Und ihr?“ Fußball. Bayern gegen Gladbach. Auswärtsfahrt. Selbstverständlich. Es sind Bayern-Fans. Natürlich.
Ein Teil der Reisegruppe landet sogar im selben Waggon. Die morgendliche Meditation verwandelt sich spontan in ein rollendes Vereinsheim mit Brötchenbegleitung. In Hannover steigen sie um, denn ihr Weg führt nach München und nicht nach Berlin.
„Ciao! Schönes Spiel! Schönes Wochenende!“
Und dann sind sie weg. Der Waggon wird wieder still. Schade eigentlich. Die stille ICE-Romantik hat zwar nur ungefähr acht Minuten gehalten, aber die Begegnung am frühen Morgen hatte ihren ganz eigenen Charme. Ein bisschen Heimat auf Gleis 1, kurz vor Sonnenaufgang.
Das Spiel übrigens endete 4:1 für Bayern. Für wen sonst.



