Wachstum mit Bahn: Wie Bösel und Friesoythe den Anschluss erkämpften
- Martin Pille

- 21. Jan.
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Von Martin Pille

Bösel/Friesoythe. Um 14.30 Uhr traf man sich im Friesoyther Bahnhof zum „gemeinschaftlichen Festessen“ und um 19 Uhr „daselbst zum allgemeinen Festkommers“. Was war der Anlass im Jahr 1906?
Fortschritt braucht Transport
Als Justus von Liebig (1803-1873) in der Mitte des 19. Jahrhunderts die Düngung aus der Tüte statt aus der Kuh erfand und mit dem Kunstdünger gleichzeitig den Beginn der Agrochemie markierte, stieg die agrarische Produktion bis 1913 um 90 Prozent. Die Erfindung hätte den Menschen bei uns indes wenig genutzt, wenn 1906 nicht gleichzeitig die Bahn das Land erobert hätte, denn wie sonst sollte der Dünger zu den Bauern kommen?

Politischer Gegenwind aus Oldenburg
Dass es nicht früher dazu kam, lag sicherlich auch am Staatsministerium in Oldenburg, die dem Bau des Hunte-Ems-Kanals (heute Küstenkanal) eine höhere Priorität gab. Während der Böseler Gemeinderat unter seinem Bürgermeister Johann Heinrich Beeken weitsichtig und mit großer Beharrlichkeit bei der Großherzoglichen Staatsregierung darum warb und dem Landtag gar die Übernahme von 10 Prozent der Baukosten und die unentgeltliche Hergabe des Grundes und Bodens innerhalb der Gemeinde Bösel zum Bau einer normalspurigen Eisenbahn anbot, gab es auch erhebliche Widerstände in der Bevölkerung.

Skepsis in den Reihen
In Rohens Wirtshaus in Bösel ging es im März 1893 bei einer Versammlung zu diesem Thema hoch her: „Trotzdem unser Herr Gemeindevorsteher sich sehr bemühte, die Nützlichkeit der Bahn darzuthun, konnte man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass man hier der Anlage noch recht unfreundlich gegenübersteht. Da man zu beabsichtigen scheint, südlich an Aumühlen vorbei zu bauen, glaubte ein großer Theil von Bösel und Petersdorf wenig Nutzen haben zu können. Die Petersdorfer wollen sich auch viel eher und bequemer Garrel anschließen können“, hieß es in einem Zeitungsartikel. Letztlich setzte sich die Gemeindevertretung durch. 1899 richtete Bösel eine Petition an den Eisenbahnausschuss mit der Bitte, die Bahnlinie Cloppenburg-Friesoythe über Bösel zu vermessen und nicht über Thüle. So kam es dann auch.
Landwirtschaft unter Druck
Es musste auch sein: Die sogenannte „vorindustrielle Gesellschaft“ bei uns lebte überwiegend von der Landwirtschaft und wohnte in ärmlichen ländlichen Siedlungen. Was nützte jetzt der technische Fortschritt, wenn der Bauer in Zeiten wachsender Bevölkerung nicht genug Lebensmittel schaffen konnte? Zudem: Steigende Bevölkerungszahlen erhöhten den Bedarf an Brennstoffen. Das Heizmaterial war knapp, die Bevölkerung hatte zudem zu leiden an großen Überschwemmungen, die ihr die Ernte verdarben.

Die Bahn kommt - endlich
Die Bahn, von der Großherzoglich Oldenburgischen Staatseisenbahnen (GOE) 1906 als Stichbahn eröffnet und 1907 bis Scharrel und 1908 bis Ocholt verlängert, galt als das einzige Verkehrsmittel, um weiter entfernt liegende Absatzmärkte damals zu erschließen. Und die Jungfernfahrt mit einem Eröffnungssonderzug mit der Eisenbahndirektion führte in der Folge zur Errichtungen von Bahnhöfen mit Gaststätten und Warteräumen und entwickelte Friesoythe und Cloppenburg zu wichtigen Knotenpunkten. Natürlich war auch die Landwirtschaft daran interessiert, die Produktionen zu steigern und zwar unter Ausnutzung wissenschaftlicher Erkenntnisse und durch Vergrößerung der landwirtschaftlichen Nutzfläche.
Wachstum und Tragödie
Die Bauern in Bösels Bauernschaft Glaßdorf optimierten den neuen Transport konspirativ noch erheblich, indem sie nachts angekommene Güterwaggons mit Kunstdünger nach Glaßdorf schafften, dort entluden und anschließend wieder nach Bösel brachten. Wie auch immer sie das angestellt haben mögen… Zu Beginn verkehrten nur drei Züge auf der neuen Strecke, 1950 bereits fünf Zugpaare. Am 7. Juli 1944 kam es am Bahnübergang beim Flugplatz Varrelbusch zu einer Kollision zwischen einem Zug und einem Mannschaftswagen der Wehrmacht, bei dem alle neun Fahrzeuginsassen ums Leben kamen

Abbau statt Ausbau
Keine 70 Jahre dauerte der Eisenbahnverkehr: Im September 1968 wurde der Reiseverkehr eingestellt, die kombinierte Straßen- und Eisenbahnbrücke über den Küstenkanal demontiert. Im Jahr 2004 begann die Inbetriebnahme durch den Verein „Museumseisenbahn Friesoythe-Cloppenburg e.V., die inzwischen längst eingestellt ist. Und eine Sünde beging der Böseler Gemeinderat, als er zuließ, dass 1979 das Bahnhofsgebäude abgerissen wurde. Der Parlamentarische Lenkungskreis zum Reaktivierungsprogramm des Landes Niedersachsen hat die Strecke Friesoythe-Cloppenburg 2024 immerhin in die Stufe II der landesweiten Untersuchung aufrücken lassen.



